Auf
Einladung des Europarats, für den er früher gearbeitet hat, und der
Organisation World Without Nazism („Welt ohne Nazismus“) hat der
Villinger Pädagoge Gunther Volk in Moskau an einer internationale
Holocaust-Konferenz teilgenommen.
„Oy wey, du wirst Schwierigkeiten bei der Beschaffung des Visums haben“, warnte
ihn die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Gemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen,
Elena Logunova. „In der Regel dauert es Wochen, bevor man ein Visum
bekommt. Warum willst du überhaupt mitten im Januar nach Moskau reisen?“
Die in Moskau ansässige Organisation „Welt ohne Nazismus“, genauer:
deren Vorsitzender, Duma-Mitglied Senator Boris Shpiegel, hatte ihn
eingeladen, an einer internationalen Konferenz in Moskau teilzunehmen
mit dem Titel „Nie wieder: Erinnerung an den Holocaust, Verhinderung
von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Doch warum ausgerechnet
den Villinger Gymnasiallehrer und Anglisten, der am Rottweiler Seminar
als Lehrerausbilder arbeitet? – Vor mehreren Jahren hat Gunther Volk
einen innovativen pädagogischen Ansatz entwickelt, der Schülern einen
ganz besonderen Zugang zur Thematik des Holocaust eröffnet. Immer
wieder behandelte er im Englischunterricht englischsprachige Theaterstücke
jüdischer Autoren, die sich mit dem Thema Holocaust beschäftigen. Mit Erfolg – „Das kam bei
den Schülern viel besser an als trockener Geschichtsunterricht“,
erinnert sich Volk. Die Tatsache, dass er nun auf die Liste der eingeladenen
Delegierten geraten war, verdankte er dem Europarat in Strasbourg,
einem Mitsponsor der Konferenz. Vor einigen Jahren hatte Volk an
einem vom Europarat ins Leben gerufenen Bildungsprogramm zum Thema
„ Das Unterrichten des Holocaust und der Geschichte von Genoziden
im 21. Jahrhundert“ mitgearbeitet. Was in Moskau auf der Tagesordnung
stand, deckte sich in vielerlei Hinsicht genau mit dem, was seit
langer Zeit einer der Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit
darstellt. So war die Moskau-Reise natürlich verlockend, doch wäre
Volk nicht Volk, wenn ihn als regional prominenten Fluglärm-Gegner
nicht Gewissensbisse geplagt hätten. Schließlich hat er auch die
Bürgerinitiative gegen den Schweizer Fluglärm auf die Beine gestellt.
„Ist es vertretbar, für eine eintägige Konferenz Delegierte aus Russland, der Ukraine, Georgien, Moldawien, Estland, Lettland, Litauen, Finnland,
Polen, der Tschechischen Republik, Griechenland, Frankreich, Deutschland,
Großbritannien, Israel und den Vereinigten Staaten nach Moskau einzufliegen?
– Schließlich setzte sich der Villinger doch in den Flieger und startete.
Natürlich von Stuttgart aus, und nicht von Zürich. Kaum hatte die
Konferenz jedoch begonnen, wurden Bedenken dieser Art ausgeräumt:
Die Delegierten, die in den Eröffnungsreden zu Wort kamen, verwiesen
allesamt auf den erschreckenden Anstieg jüngster neonazistischer,
rechtsradikaler, fremdenfeindlicher, geschichts-revisionistischer,
antisemitischer sowie Holocaust verneinender Tendenzen in unseren
Gesellschaften. Gunther Volk wußte, dass es die Sache wert war: „Um
sich diesen Tendenzen zur Wehr zu setzen, sind tausende von Luftmeilen
durchaus gerechtfertigt!“ Für die NECKARQUELLE berichtete er: „Was
für ein Zufall, dass ein nur wenige Tage vor der Konferenz in Ha’aretz
erschienener Artikel die Dringlichkeit der Thematik der Konferenz so eindrücklich unterstrich: Dr. Efraim Zuroff, Direktor
des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, veröffentlichte am 14.
Januar 2012 einen Beitrag mit dem Titel „Don’t rehabilitate the guilty“
(Keine Rehabilitierung der Schuldigen). Zuroff verweist auf aktuelle
Bestrebungen in der Ukraine, Estland, Lettland, Litauen und Kroatien,
die Geschichte neu schreiben zu wollen, indem örtliche Kollaborateure
der Nazis, die an Massenermordungen teilgenommen hatten, in ihren
Ländern neuerdings posthum als „Helden“ oder „Freiheitskämpfer“ gefeiert
werden. Dass die Lehren aus dem Holocaust nie vergessen werden dürfen,
legte Dr. Ralf-René Weingärtner, Direktor der Abteilung im Europarat
für Menschenrechte und Antidiskriminierung in einer mit viel Applaus
gewürdigten Rede dar. Der Holocaust sei, so Dr. Weingärtner, nicht
ein Beispiel für Verbrechen gegen die Menschlichkeit; es sei vielmehr
das Beispiel. Zukünftige Generationen haben dieses Vermächtnis geerbt.
Wenn wir uns nicht an die Opfer des Holocaust erinnern, werden die Opfer ein zweites Mal ermordet. Die Opfer hätten
niemandem etwas zuleid getan, keine Verbrechen begangen. Sie seien
völlig unschuldig gewesen. Sie wurden ermordet, nur weil sie einer
anderen Religion angehörten. Der Holocaust habe das zerstörerische
Potenzial der Menschen in erschreckender Weise gezeigt. Es sei genau
vor diesem Hintergrund, dass im Jahre 1949 der Europarat gegründet
wurde. Der Nachmittag war der Arbeit in Diskussionsgruppen gewidmet,
die unter verschiedenen Themenblöcken angeboten wurden. Ich hielt
einen Vortrag im Themenblock „Die Rolle der Literatur, Kultur und
der Künste bei der Vermittlung von Anti-Nazismus und die Auswirkung
des Holocaust auf die kulturelle Kreativität in der Nachkriegszeit“.
Mein Thema: „Wie man Antisemitismus und Holocaustverneinung mithilfe
von Ronald Harwoods Theaterstück The Handy〜man begegnen kann“. Nach
einer sich anschließenden Plenarsitzung, in der die Diskussionsergebnisse
der sechs Gruppen durch die jeweiligen Moderatoren vorgestellt wurden, fand die Konferenz ihren würdevollen Abschluss in der Synagoge auf
dem Gedächtnishügel. Feierlich umrahmt von einem Chorkonzert der
„Moscow Male Jewish Capella“ verfolgten die Konferenzteilnehmer das
bewegende Zusammentreffen einer Auschwitz-Überlebenden mit ehemaligen
Soldaten der Roten Armee, die das Vernichtungslager am 27. Januar
1945 befreiten. Damit Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder
geschehen und völlig unschuldige Menschen bedroht, ausgegrenzt, attackiert,
deportiert und ermordet werden, nur weil sie einem anderen Glauben
angehören, sind wir alle aufgefordert, die Erinnerung an den Holocaust
wachzuhalten. Nur so wird es uns gelingen, Toleranz und Akzeptanz
in unserer Gesellschaft dauerhaft zu verankern.“ rat nq-online.de
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