15.02.2012 nq-online.de
Einmal Moskau und zurück

Auf Einladung des Europarats, für den er früher gearbeitet hat, und der Organisation World Without Nazism („Welt ohne Nazismus“) hat der Villinger Pädagoge Gunther Volk in Moskau an einer internationale Holocaust-Konferenz teilgenommen.

„Oy wey, du wirst Schwierigkeiten bei der Beschaffung des Visums haben“, warnte ihn die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Gemeinde Rottweil-Villingen-Schwenningen, Elena Logunova. „In der Regel dauert es Wochen, bevor man ein Visum bekommt. Warum willst du überhaupt mitten im Januar nach Moskau reisen?“ Die in Moskau ansässige Organisation „Welt ohne Nazismus“, genauer: deren Vorsitzender, Duma-Mitglied Senator Boris Shpiegel, hatte ihn eingeladen, an einer internationalen Konferenz in Moskau teilzunehmen mit dem Titel „Nie wieder: Erinnerung an den Holocaust, Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Doch warum ausgerechnet den Villinger Gymnasiallehrer und Anglisten, der am Rottweiler Seminar als Lehrerausbilder arbeitet? – Vor mehreren Jahren hat Gunther Volk einen innovativen pädagogischen Ansatz entwickelt, der Schülern einen ganz besonderen Zugang zur Thematik des Holocaust eröffnet. Immer wieder behandelte er im Englischunterricht englischsprachige Theaterstücke jüdischer Autoren, die sich mit dem Thema Holocaust beschäftigen. Mit Erfolg – „Das kam bei den Schülern viel besser an als trockener Geschichtsunterricht“, erinnert sich Volk. Die Tatsache, dass er nun auf die Liste der eingeladenen Delegierten geraten war, verdankte er dem Europarat in Strasbourg, einem Mitsponsor der Konferenz. Vor einigen Jahren hatte Volk an einem vom Europarat ins Leben gerufenen Bildungsprogramm zum Thema „ Das Unterrichten des Holocaust und der Geschichte von Genoziden im 21. Jahrhundert“ mitgearbeitet. Was in Moskau auf der Tagesordnung stand, deckte sich in vielerlei Hinsicht genau mit dem, was seit langer Zeit einer der Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit darstellt. So war die Moskau-Reise natürlich verlockend, doch wäre Volk nicht Volk, wenn ihn als regional prominenten Fluglärm-Gegner nicht Gewissensbisse geplagt hätten. Schließlich hat er auch die Bürgerinitiative gegen den Schweizer Fluglärm auf die Beine gestellt. „Ist es vertretbar, für eine eintägige Konferenz Delegierte aus Russland, der Ukraine, Georgien, Moldawien, Estland, Lettland, Litauen, Finnland, Polen, der Tschechischen Republik, Griechenland, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Israel und den Vereinigten Staaten nach Moskau einzufliegen? – Schließlich setzte sich der Villinger doch in den Flieger und startete. Natürlich von Stuttgart aus, und nicht von Zürich. Kaum hatte die Konferenz jedoch begonnen, wurden Bedenken dieser Art ausgeräumt: Die Delegierten, die in den Eröffnungsreden zu Wort kamen, verwiesen allesamt auf den erschreckenden Anstieg jüngster neonazistischer, rechtsradikaler, fremdenfeindlicher, geschichts-revisionistischer, antisemitischer sowie Holocaust verneinender Tendenzen in unseren Gesellschaften. Gunther Volk wußte, dass es die Sache wert war: „Um sich diesen Tendenzen zur Wehr zu setzen, sind tausende von Luftmeilen durchaus gerechtfertigt!“ Für die NECKARQUELLE berichtete er: „Was für ein Zufall, dass ein nur wenige Tage vor der Konferenz in Ha’aretz erschienener Artikel die Dringlichkeit der Thematik der Konferenz so eindrücklich unterstrich: Dr. Efraim Zuroff, Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, veröffentlichte am 14. Januar 2012 einen Beitrag mit dem Titel „Don’t rehabilitate the guilty“ (Keine Rehabilitierung der Schuldigen). Zuroff verweist auf aktuelle Bestrebungen in der Ukraine, Estland, Lettland, Litauen und Kroatien, die Geschichte neu schreiben zu wollen, indem örtliche Kollaborateure der Nazis, die an Massenermordungen teilgenommen hatten, in ihren Ländern neuerdings posthum als „Helden“ oder „Freiheitskämpfer“ gefeiert werden. Dass die Lehren aus dem Holocaust nie vergessen werden dürfen, legte Dr. Ralf-René Weingärtner, Direktor der Abteilung im Europarat für Menschenrechte und Antidiskriminierung in einer mit viel Applaus gewürdigten Rede dar. Der Holocaust sei, so Dr. Weingärtner, nicht ein Beispiel für Verbrechen gegen die Menschlichkeit; es sei vielmehr das Beispiel. Zukünftige Generationen haben dieses Vermächtnis geerbt. Wenn wir uns nicht an die Opfer des Holocaust erinnern, werden die Opfer ein zweites Mal ermordet. Die Opfer hätten niemandem etwas zuleid getan, keine Verbrechen begangen. Sie seien völlig unschuldig gewesen. Sie wurden ermordet, nur weil sie einer anderen Religion angehörten. Der Holocaust habe das zerstörerische Potenzial der Menschen in erschreckender Weise gezeigt. Es sei genau vor diesem Hintergrund, dass im Jahre 1949 der Europarat gegründet wurde. Der Nachmittag war der Arbeit in Diskussionsgruppen gewidmet, die unter verschiedenen Themenblöcken angeboten wurden. Ich hielt einen Vortrag im Themenblock „Die Rolle der Literatur, Kultur und der Künste bei der Vermittlung von Anti-Nazismus und die Auswirkung des Holocaust auf die kulturelle Kreativität in der Nachkriegszeit“. Mein Thema: „Wie man Antisemitismus und Holocaustverneinung mithilfe von Ronald Harwoods Theaterstück The Handy〜man begegnen kann“. Nach einer sich anschließenden Plenarsitzung, in der die Diskussionsergebnisse der sechs Gruppen durch die jeweiligen Moderatoren vorgestellt wurden, fand die Konferenz ihren würdevollen Abschluss in der Synagoge auf dem Gedächtnishügel. Feierlich umrahmt von einem Chorkonzert der „Moscow Male Jewish Capella“ verfolgten die Konferenzteilnehmer das bewegende Zusammentreffen einer Auschwitz-Überlebenden mit ehemaligen Soldaten der Roten Armee, die das Vernichtungslager am 27. Januar 1945 befreiten. Damit Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder geschehen und völlig unschuldige Menschen bedroht, ausgegrenzt, attackiert, deportiert und ermordet werden, nur weil sie einem anderen Glauben angehören, sind wir alle aufgefordert, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Nur so wird es uns gelingen, Toleranz und Akzeptanz in unserer Gesellschaft dauerhaft zu verankern.“ rat

nq-online.de