„2002 starteten das Simon Wiesenthal Center Israel (SWC) und die Targum Shlishi-Stiftung
in Florida die ‚Operation Letzte Chance‘ (OLC), um die Verfolgung
von Nazi-Kriegsverbrechern – hauptsächlich im postkommunistischen
Europa – zu unterstützen. Bis Ende 2011 hat sie die Namen von mehr
als 600 Verdächtigen in 32 Ländern erbracht. Von diesen Namen wurden
102 örtlichen Staatsanwälten vorgelegt, 46 davon aus Litauen, 14
aus Lettland und 6 aus Deutschland.
Der Holocaust-Historiker Dr. Efraim Zuroff ist Direktor des Simon Wiesenthal
Center (SWC) in Israel und weithin als „der letzte Nazijäger“ bekannt.
Er hat einen Großteil seines Berufslebens mit der Suche nach Nazi-Kriegsverbrechern
und den für ihre Verurteilung benötigten Beweisen zugebracht, außerdem
mit Lobbyarbeit bei oft störrischen Regierungen, damit die dies Leute
strafrechtlich verfolgen. Zuroff hat mehrere Bücher veröffentlicht,
deren jüngstes, Operation Last Chance; One Man’s Quest to Bring Nazi
Criminals to Justice (Operation Letzte Chance: Die Suche eines Mannes,
um Nazi-Verbrecher der Gerechtigkeit zuzuführen)1 den Hintergrund
des Projekts und ausführlich seine fünf wichtigsten Fälle darlegt.
Er sagt: „Die Bildungsaspekte des Programms wurden so gestaltet, dass die Menschen
für die Geschichte des Holocaust sensibilisiert werden und die öffentlich
Aufmerksamkeit sich auf die Fragen konzentrieren, die Menschen in
diesen Ländern sich selbst stellen sollten. Die Antworten in den
verschiedenen Ländern reichten von voller Unterstützung und Bewunderung
bis zu eisernem Widerstand. Eine besondere öffentliche Reaktion,
die im postkommunistischen Osteuropa recht verbreitet war, bestand
darin OLC zu attackieren, weil sie sich nur auf Naziverbrechen konzentrierte,
nicht auch auf kommunistische Verbrechen; und weil sie nutzte, was
einige als sowjetische Methode ansahen, nämlich den Einsatz bezahlter
Informanten.
Ein Großteil des Erfolgs der OLC hängt in erster Linie
davon ab, ob die Regierung vor Ort Holocaust-Täter vor Gericht stellen
will und es dort eine Wählerschaft gibt, die das Projekt unterstützt.
Die OLC wurde in den baltischen Staaten angestoßen,
weil wir glaubten dort sei das Potenzial Informanten zu finden besonders
groß. In diesen Ländern gab es jedoch keinen politischen Willen Täter
gerichtlich zu verfolgen und praktisch keine Unterstützung vor Ort.
Die einzig unterstützenden Menschen waren Einzelpersonen, die ihrer
Zeit voraus waren. Sie verstanden, dass diese Frage für die Zukunft
ihrer Länder von entscheidender Bedeutung ist.
Auch die Qualität der zu erhaltenden Informationen
variiert von Land zu Land. Fast alle, die die Call Center kontaktierten,
sind Nichtjuden gewesen. In Österreich schätze ich, dass unter den
mehr als einhundert Anrufen, die wir erhielten, 90 bis 95 Porzent
antisemitisch waren.“
Zuroff bemerkt: „Jede Regierung ist ein anderer Fall,
abhängig von ihrer Einstellung zu den Bemühungen solche Kriminellen
strafrechtlich zu verfolgen. In Deutschland z.B. trifft die OLC auf
keinerlei offizielle Behinderung oder Opposition. In Osteuropa sind
die ortsansässigen Authoritäten angesichts der Aussicht auf Erfolge
unsererseits beim Auffinden nicht verfolgter einheimischer Nazi-Kriegsverbrecher
kaum begeistert. Die Staatsanwaltschaft ist in der Regel ein Spiegel
der Anschauung der lokalen Authoritäten ist. Kurz gesagt: Keine Regierung
würde sich offen gegen das Projekt stellen, aber die von den Staatsanwälten
eingebrachte Energie und Ressourcen sind ein weit genaueres Barometer
für die dortigen Empfindungen.
Die OLC sah sich sogar einmal juristischen Schritten
gegenüber, die sich auf Datenschutzgesetze Ungarns gründeten und
den „Export“ von Information über ungarische Staatsbürger ins Ausland
betrafen. Es blieb nur bei einer Drohung, die nie juristisches Vorgehen
zur Folge hatte. Die OLC war in Ungarn sogar äußerst erfolgreich,
was praktische Gesichtspunkte angeht, trotz der anfänglichen Zweifel
zu unseren Erfolgsaussichten dort infolge der Besonderheiten der
von ungarischen Nazi-Kriegsverbrechern und Kollaborateuren begangenen
Verbrechen. Dies steht im Gegensatz zum Beispiel zu denen im Baltikum
begangenen, wo die Zahl der Einheimischen, die sich aktiv an Massenmord
beteiligten, ungewöhnlich hoch war.“
Zuroff erwähnt, dass 2011 „Operation Letzte Chance
II“ begonnen wurde. „Sie konzentriert sich in erster Linie auf die
Wachen der Todeslager und Personal der Einsatzgruppen. Sie können
jetzt – in Folge der Verurteilung Demjanjuks im Mai 2011 in München
– erfolgreich wegen Mittäterschaft belangt werden, auch ohne Beweise
für ein konkretes Verbrechen an einem konkreten Opfer.“
Zuroff fasst die Erfolge der Operation Letzte Chance
so zusammen: „Sie half bei der Identifizierung derer, die für furchtbare,
während der Schoah begangene Verbrechen verantwortlich sind. Darüber
hinaus konzentrierte sie die Aufmerksamkeit auf die sehr wichtige
Rolle, die die ortsansässigen Helfer der Nazis spielten. Deren Mithilfe
bei der Umsetzung der Endlösung war entscheidend, besonders in Osteuropa,
wo die Beteiligung an Massenmord dazu gehörte. Angesichts der in
die OLC investierten, sehr begrenzten Ressourcen sind die erzielten
Ergebnisse relativ bedeutend gewesen.
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