Die
Verhandlung gegen Sándor Képíró in Budapest ab Mai dürfte eine der
letzten sein
Jerusalem/Wien - "Wir nähern
uns dem Ende" , sagt David Silberklang, Historiker an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem
in Jerusalem. "Die biologische Uhr ist gnadenlos." Der Verhandlungsbeginn gegen Sándor Képíró am 5.Mai in Budapest, könnte also
der Auftakt zum letzten großen Prozess gegen einen NS-Kriegsverbrecher
werden. Képíró soll im serbischen Novi Sad als ungarischer Gendarm
am Tod von mehr als 1000 Juden, Roma und Serben beteiligt gewesen sein.
Seit 2010 galt er als der meistgesuchte Nazi-Kriegsverbrecher.
Efraim Zuroff, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Israel, kritisiert, dass "hunderte, sogar tausende" Altnazis noch auf der Flucht seien. Doch man stoße, allein weil "Zeugen fehlen oder weil die Zeugen nicht mehr aussagen können" , an Grenzen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hatte deshalb die "Operation: Letzte Chance" gestartet (siehe Wissen).
In München wird seit 2009 gegen John Demjanjuk (91) prozessiert, dem Beihilfe
zum Mord in 27.900 Fällen in Sobibor vorgeworfen wird. Das Plädoyer
der Anklage, die sechs Jahre Haft fordert, verfolgte Demjanjuk von
einem Krankenbett aus. Das Urteil wurde für Anfang Mai erwartet,
vergangene Woche hieß es aber, es dürfte sich verzögern.
Der Prozess brachte auch Ermittlungen gegen Samuel
Kunz ins Rollen, Ex-SS-Wachmann im Vernichtungslager Belzec. Ab November
2010 hätte er sich in Bonn wegen zehnfachen Mords und Beihilfe zum
Mord in mindestens 430.000 Fällen verantworten sollen. Kurz zuvor
starb er. In einer Obduktion wurde Unterkühlung als Todesursache
festgestellt. Ermittlungen, ob Kunz getötet wurde, laufen, wie Focus
vor wenigen Tagen bekanntmachte.
Jener Mann, der noch vor Kunz auf Platz zwei der Kriegsverbrecherliste
steht, lebt zwar noch - in Österreich. Milivoj Ašner (97), der an
der Verfolgung und Deportation hunderter Juden, Sinti und Roma beteiligt
gewesen sein soll, wird aber nicht an Kroatien ausgeliefert, weil
ihm Vernehmungsunfähigkeit wegen Demenz attestiert wurde. (AFP, dpa,
spri/DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2011)
Wissen:Verstärkte Suche
Angesichts dessen, dass bei der Jagd auf NS-Kriegsverbrecher die
Zeit knapp wird, startete das Simon-Wiesenthal-Zentrum im Jahr
2002 in Europa unter dem Motto "Operation:
Letzte Chance" eine neue Suche nach NS-Verbrechern. Für Hinweise über Nazi-Verbrecher bezahlte
die aus Spenden finanzierte, internationale Menschenrechtsorganisation
an Informanten bis zu 10.000 Euro. Die Aktion begann zunächst in
den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen und wurde
dann auf ganz Europa, später auch Lateinamerika ausgeweitet. In
Österreich wurde im September 2003 damit begonnen.
Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Israel wertet die
Aktion als Erfolg. In den vergangenen zehn Jahren seien weltweit
fast 90 NS-Kriegsverbrecher angeklagt und 77 verurteilt worden.
derstandard.at
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